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Joe Cocker live in Berlin

 

Er ist ein Phänomen, dieser Joe Cocker. Nach 40 Bühnenjahren ist er immer noch in der Lage, die großen Hallen zu füllen. Auf seiner „Hard Knocks“ Tour gelingt ihm das allein in Deutschland 17-Mal. Wie gestern Abend in der mit weit über 10.000 Zuschauern fast ausverkauften O2 World in Berlin.

Warum zieht es die Massen zu einem Musiker, dessen Repertoire vornehmlich aus Coverversionen besteht? Was bringt die Menschen dazu, zwischen 50 und 80 Euro für eine ein Konzert zu investieren, welches im Vergleich zu denen in der Vergangenheit nur unmerklich Abwechslung zu versprechen mag?

Wer gestern Abend live dabei war kann diese Fragen leicht beantworten. Da steht jemand auf der Bühne, der durchweg positive Stimmungen im Publikum erzeugt. Man muss seine Musik nicht unbedingt mögen, um auf seinen Shows Spaß zu haben. Seine Konzerte sind ergreifend.

 

21: 03 Uhr. Endlich ist es so weit. Nach einer ordentlichen aber letztlich eher uninspirierten Darbietung des norwegischen Soulsängers Jarle Bernhoft und schier unendlichen 30 Minuten des Wartens mit unsäglichem „Softpopgedudel“ betritt der Star des Abends die Bühne. Intoniert mit James Browns „Sexmaschine“ lässt allein die Präsenz der Soullegende alle Unmutsbekundungen des eben noch nervösen Publikums in Jubel umschlagen.

Cocker ist gut drauf. Im komplett schwarzen Outfit steht er im Zentrum der Bühne. Alle Lichter sind auf ihn gerichtet. Seine Band - eine Randerscheinung im Hintergrund. Aus der Ferne nimmt man einzig diesen charismatischen „man in black“ mit seinen unkoordinierten aber einen hypnotisch in seinen Bann ziehenden „Handspielereien“ wahr. Die unverwechselbare Stimme des in Colorado lebenden Engländers trifft jeden Ton. Eine gut auf die jeweiligen Songs abgestimmte Videoshow rundet die Songs visuell ab.

Trotzdem ist die Stimmung in der ersten 45 Minuten reserviert. Das Publikum bleibt zu den Klängen bekannter Hits wie „summer in the city“ oder „get on“ sitzen. Bei Balladen sieht man nur vereinzelt Feuerzeuge und Leuchtstäbe. Zufriedenheit spiegelt sich in den Gesichtern der Cocker Fans wider; vereinzelt werden die Liedtexte mitgesungen. Ein paar wenige Frauen tanzen auf dem schmalen Gang des Parkett. Das Publikum honoriert die professionelle Leistung des charismatischen Sängers nach jedem Lied mit großem Beifall. Dieser bedankt sich mit einem für einen 66-jährigen mit harter Rockervergangenheit beachtlichen Sprung, der in ein „V“ ausschlägt..

Dann singt Cocker „You are so beautiful“. Das Publikum ist an dem Punkt angekommen, an dem es der Künstler haben möchte: im Zustand der absoluten Ergriffenheit. Erstmals kommt es zu standing ovations. Aus Beifall wird frenetischer Jubel. Die Stimmung im Saal ist jetzt aufgeheizt.

Nach einer guten Stunde stellt Cocker seine Band vor. Ein Startschuss zum großen Finale. Bei „You can leave your head on“ brechen alle Dämme. Die Zuschauer erheben sich von ihren Sitzen. Aus dem Sitzplatzkonzert in einer High-Tech Arena ist eine Stehplatzkonzert mit ausgelassener Festivalatmosphäre geworden. Wenig später setzt der zum Ritter geschlagene Musiker zum Höhepunkt dieses Abends an. Es ist das Lied, mit dem Cocker vor über 40 Jahren seinen Durchbruch schaffte und das bis heute die gesamte Bandbreite seines musischen Talents zum Vorschein kommen lässt: „With a little help from my friends“. In dem Beatles Song paart sich Leid mit Leidenschaft, Melancholie löst sich in Euphorie auf. Das Publikum nimmt die Dynamik in seiner Interpretation sensibel auf und geht emotional mit. Jetzt gibt Cocker sogar seiner Band die Gelegenheit, ihr Können unter Beweis zu stellen, woraufhin diese einige Minuten jammen. Der Jubel nach dem Song ist ohrenbetäubend. Dann erfolgt ein abrupter Bruch. Einige Zuschauer nehmen ein altbekanntes deutsches Sprichwort beim Wort und verlassen die Halle „wenns am schönsten ist“. Wer will auch nach einem so schönen Konzert Wartezeiten im Ausgang bzw. auf dem Parkplatz in Kauf nehmen. Nun ja, soll jeder so machen wie er denkt. Die Flüchtigen verpassen noch drei Songs, bei denen die Luft in der Tat ein bisschen raus ist. Es ist die Phase des „Ausfeierns“, an dessen Ende keine Zugaberufen zum Besten gegeben werden. Die Zuschauer sind mit dem Ablauf des Abends vollends zufrieden und haben anscheinend keinen Grund noch mehr zu verlangen. Um 22:39 bedankt sich Joe Cocker mit den Worten: Berlin, we love you, keep rockin and goodbye. Er tritt mit einem doppelten V-Sprung ab. Ob sich das „We“ in seiner Danksagung auf sich und die Band bezieht oder der Sänger von sich selbst im Königsplural redet sei an dieser Stelle einmal dahingestellt. Unbestritten ist aber, dass es sich bei Joe Cocker um ein Phänomen handelt. Ein Phänomen ist ein mit den Sinnen wahrnehmbares Ereignis. Dieser Sänger wird in seinen Darbietungen zum Ereignis und ist so intensiv wahrzunehmen, dass sich der Besuch eines seiner Konzerte sicherlich lohnt- nicht nur für seine Fans.



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